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Der Weg ist das Ziel - von München nach Göteborg - Teil 2

Der Weg ist das Ziel - von München nach Göteborg - Teil 2

Overview

München - Kolding - Kopenhagen

Mein Flug von München nach Hamburg ging mittags. Was mir sehr entgegenkam, denn obwohl ich gern früh aufstehe, gehe ich nicht gern früh aus dem Haus, sondern trinke in Ruhe einen Kaffee und gehe nochmal durch, was ich gepackt habe. Ich packte also ganz entspannt meine Siebensachen zusammen, nahm die S-Bahn zum Flughafen, passierte easy peasy die Sicherheitskontrolle und gönnte mir dann einen zweiten Kaffee. Der Flieger brachte mich pünktlich nach Hamburg, und so langsam machte mein angestoßener Zeh vehement auf sich aufmerksam.

Trotzdem war nach einem kleinen Mittagessen (im Mutterland, meinem Lieblings-Delikatessenhaus in Hamburg, gleich hinterm Ohnsorg-Theater) ein kurzer Abstecher zur Alster obligatorisch. Eigentlich hatte ich meine erste Nacht in Hamburg verbringen wollen, fuhr dann aber doch kurzentschlossen und für einen günstigen Sparpreis weiter über die Grenze nach Dänemark und übernachtete in Kolding, einem kleinen Städtchen mit einem hübschen See und einer Burg. Vermutlich hätte ich schon den Nachmittag mit einem Eisbeutel und hochgelegtem Fuß im Hotelzimmer verbringen sollen, aber weil ich typisch ich bin, schulterte ich meine Kamera und machte mich auf den Weg, um zumindest See, Altstadt und Burg zu besichtigen. Nach Fotos von Burg, Bäumen und romantischem Sonnenuntergang überm Wasser musste ich mich dann aber doch geschlagen geben und besorgte mir einen aus einer Plastiktüte und Eis aus der Bar improvisierten Eisbeutel, legte den Fuß hoch und ertränkte meinen Schmerz in einem lokalen Craftbier, das das Hotel zum Mitnehmen anbot.

Sonnenuntergang See

Am folgenden Tag fuhr der Zug von Kolding nach Kopenhagen pünktlich ab und ich fand einen sehr bequemen Sitzplatz in Gesellschaft eines Digital Nomad in einem Sechser-Abteil. Er arbeitete vor sich hin und ich las und sprang immer wieder auf, um von der vorbeiziehenden Landschaft, Brücken und bei der Überquerung des Großen Belt Fotos zu machen. Wir freuten uns beide über die nette Geste der Bahn: ein Angestellter überreichte uns eine Tüte mit Knäckebrot, Wasser und Schokolade.

Großer Belt

Kopenhagen - die Stadt, die ich nicht sah

Bedauerlicherweise habe ich von Kopenhagen so ziemlich gar nichts gesehen. Inzwischen konnte ich kaum noch laufen und steuerte noch im Bahnhof eine Apotheke an. Mit einem Eispack in der Tasche stieg ich das schmale knarzende Treppenhaus im Hotel hinauf (auch hier pries ich innerlich wieder den Rucksack auf meinem Rücken anstelle eines Koffers, denn es gab keinen Aufzug), setzte nach viel Übersetzungsarbeit und verzweifelten vergeblichen Versuchen die Kühlung des Päckchens in Gang und bewegte mich später nur noch nach draußen, um ein Abendessen zu besorgen.

Immerhin verbrachte ich eine einigermaßen geruhsame Nacht im gemütlichen Hotelbett, direkt unterm Fenster mit Blick auf die mit hübschen Backsteinhäusern bestandene Straße. Am Morgen fand ich mithilfe von Google Maps ein Café, wo ich eine köstliche Kardamomschnecke und einen Kaffee bekam, die meine Urlaubsstimmung weitgehend wiederherstellten.

Sightseeing war also nicht drin. Im Hotelzimmer versauern wollte ich aber auch nicht. Und da ich weiß, dass das Meer so ziemlich alles besser macht, ließ ich mich ganz dekadent per Taxi zum Amager Strandpark kutschieren. Normalerweise würde ich die Strecke vom Hotel zum Strand als willkommenen Spaziergang betrachten, aber was will man machen …

Mit Kamera und Tagesrucksack ausgestattet, genoss ich zumindest von der Promenade aus den Blick aufs Meer, auf die Öresundbrücke, einen Windpark und ein Segelboot. Der Strandpark ist in Abschnitte aufgeteilt, zwischen denen befestigte Wege zwischen Dünen hindurch führen. Und diese humpelte ich nun barfuß von Station zu Station, fotografierend, Eis essend und immer wieder auf Bänken rastend.

Und so verbrachte ich doch einen schönen Tag am Meer, der mit einer leckeren Pizza und einer sehr langen und langsamen Taxifahrt während der Rushhour seinen Abschluss fand.

Ganz sicher werde ich bald nach Kopenhagen zurückkehren, denn das wenige, was ich von der Stadt sehen konnte, hat mir gut genug gefallen, um mich neugierig auf mehr zu machen.

Göteborg

Schon am nächsten Morgen um halb acht schleppte ich mich und mein Gepäck zurück zum Bahnhof, versorgte mich mit Kaffee und Snacks für die bevorstehende Zugfahrt und stand dann eine ziemlich lange Weile mit vielen anderen Reisenden ratlos am Gleis. Die Abfahrtszeit des Zuges verschob sich immer wieder nach hinten. Mit einiger Verspätung fand ich dann aber doch einen Fensterplatz in der ersten Klasse des Öresundstag-Zuges. Noch war das Abteil leer, später stieß aber noch eine kanadische Familie zu mir, die momentan auf Weltreise und auf dem Weg zu norwegischen Verwandten war.

Wieder fuhr der Zug durch hübsche Landschaften, vorbei an Windparks und Wiesen, bis ich gegen Mittag in Göteborg ankam. Nach dem Auffinden des Hotels = Schiffs in einem Gewerbegebiet und dem Einrichten meines Zimmers (Entschuldigung – meiner Kajüte), streckte ich mich erst einmal auf dem Bett aus und schonte mal wieder meinen Zeh. Doch nicht lange, und mein Abenteuergeist schubste mich vor die Tür. Außerdem war ich ja mit meiner Freundin verabredet.

Hotelschiff

Wir trafen uns im alten Arbeiterviertel Haga in einem Café auf einen Kaffee und ein kleines Mittagessen, bevor wir loszogen, damit sie mir ihre Stadt zeigen konnte. Besonders spannend fand ich an diesem Tag die Markthalle Saluhallen. Hier gibt es nämlich allerhand lokale Spezialitäten, die man vor dem Kauf probieren kann – Käse, Rentierfleisch und allerlei süße Leckereien.

Im Laufe der nächsten Tage fand ich mich immer besser auch allein in der Stadt zurecht; nach und nach kamen mir Straßenkreuzungen und Tramstationen bekannt vor, und auch spät abends fand ich im Gewirr der vielen Baustellen Göteborgs mein Schiff. Dabei war es von Vorteil, dass der Zeh immer weniger schmerzte, denn Schonung gönnte ich ihm keine. (Allein der tägliche Weg vom Bahnhof zum Hotel war in eine Richtung schon fast 20 Minuten lang.)

Um einen Tag nicht ausschließlich auf den Füßen zu verbringen, buchte ich eine sogenannte Paddan Tour, eine Fahrt auf dem Kanal mit einem der langen offenen Boote mit Guide. Während das Boot gemütlich auf dem Wasser und unter niedrigen Brücken entlangfuhr, boten sich mir unzählige Gelegenheiten für Fotos. Hierfür hatte ich mir natürlich einen Platz ganz vorn links gesichert, den ich allerdings aufgeben musste, als wir auf den Fluss hinausfuhren, wo die Gischt die vorderen Sitze – und somit auch mich und meine Kamera – erwischte, sodass ich mich ziemlich nass geschlagen geben musste.

Um wieder zu trocknen, lief ich vom Anleger zurück zur Feskekörka, der “Fischkirche”, an der ich auf der Kanalfahrt vorbeigekommen war und wo ich bei einem Glas Wein auf der Terrasse genüsslich Garnelen pulte.

Die Schäreninseln

Etwas, das man in Göteborg unbedingt gesehen haben sollte, liegt gar nicht in Göteborg, sondern außerhalb, eine kurze Tram- sowie Fährüberfahrt entfernt: Die Schäreninseln. Wobei auch hier bereits der Weg das Ziel war, denn meine Freundin und ich konnten wunderbar dabei zusehen, wie sich zunächst die Umgebung, die Gebäude und dann die Landschaft veränderten. Und auf der Fähre, ausgestattet mit Tagesrucksack, Kamera und eindeutig zu wenig warmer Kleidung, gab es auch schon so viel zu sehen! Kleine Inseln, Mini-Leuchttürme, Segelboote, die typischen roten Holzhäuser und natürlich das Meer.

Wir verbrachten einen wunderbaren Frühlingstag auf dem Wasser und auf den zwei Inseln Donsö und Vrangö, auf denen sich die Bewohner autofrei und stattdessen mit kleinen Elektrofahrzeugen von A nach B begeben. Wir spazierten durch Birkenwäldchen zu Aussichtspunkten und Leuchttürmen, bestiegen Felsen und ruhten an einem winzigen Sandstrand aus, an dem ich mich wie geplant in die kalte See stürzte. Nun ja, weniger stürzte als vorsichtig voranwatete, immer Ausschau haltend, um den kleinen Quallen auszuweichen und nur lange genug unter Wasser, damit meine Freundin vom sicheren Strand aus ein Beweisfoto machen konnte. Die nassen Badesachen wanderten danach in der mitgebrachten Drybag mit.

Während wir auf Vrangö einen Naturrundweg abliefen, der durch Preiselbeerbüsche, Sümpfe und kühle Wäldchen führte, folgten wir einer Schnitzeljagd für Kinder. Auf an Bäumen und Büschen festgemachten Zetteln fanden wir Fragen und Antwortmöglichkeiten, die uns nicht immer logisch erschienen, an denen ich aber durchaus meine gar nicht mal so spärlichen, erst kürzlich erworbenen Schwedisch-Kenntnisse testen konnte.

Am Ende des Rundwegs und dem kurzen Aufstieg zum Lotsutkiken, einem alten Lotsenaussichtspunkt mit kleiner roter Holzhütte und einer ziemlich schiefen Bank, wollten wir eigentlich zu Kaffee und Kuchen einkehren, hatten aber Pech und das Café seit fünf Minuten geschlossen. Auch der Imbisswagen am Anleger hatte seine Klappe bereits zugesperrt.

Leuchttürmchen

Also hielten wir wohl oder übel aus, bis wir wieder festen Boden unter den Füßen und anschließend einen Tisch in einem Fischrestaurant in Haga erkämpft hatten. Zur Feier meines Geburtstags stießen wir mit einer bunten hausgemachten Limonade an und ich bestellte mir drei Austern vor der Hauptspeise. Eine Stunde später – wir hatten uns zwar festgequatscht, aber uns doch schon langsam gewundert, wo unser Essen blieb, kam einer der Kellner vorbei und fragte, ob wir einen Blick in die Dessertkarte werfen möchten. Wir klärten ihn auf, dass wir viel lieber erst einmal unsere Hauptspeise hätten. Es wurde vielmals um Entschuldigung gebeten, wir warteten weitere lange Minuten, und Fischsuppe genauso wie Muscheln waren dann sehr lecker und ein passender Abschluss dieses wunderbaren Tages am Meer.

Botaniska

Und dann war auch schon mein letzter Tag dieser Reise angebrochen. Noch einmal machte ich mich auf den Fußweg vom Schiff zum Bahnhof, um von dort per Straßenbahn zum Botanischen Garten von Göteborg zu gelangen. Der Garten ist riesig und schön, ich wusste kaum, welche Blüten, welche Blätter ich zuerst fotografieren sollte. Der Frühling leuchtete mir hier in allen Farben entgegen. Ich lief und lief, mal links, mal rechts, durch Kräutergärten und Bambushaine, über Wiesen und vorbei an Tulpenbeeten.

Botaniska

Nach stundenlangem Laufen, Bewundern und Fotografieren, war die Schlange bei Kaffee und Kuchen viel zu lang, deshalb verließ ich den Botanischen Garten, stieg an irgendeiner Haltestelle aus der Tram und saß schließlich mit einem Stück Tarte au Citron an einer belebten Hauptstraße. Ein Blick auf Google Maps zeigte mir: Ohne es zu wissen, war ich schon wieder in Haga gelandet! Und da ich nun ja schon fast wieder im Zentrum gelandet war, stiefelte ich weiter, bis ich wieder am Fluss angelangt war, und machte es mir dort neben dem Fähranleger mit einem Eis gemütlich.

Hafen

Nachdem ich eine Stunde lang die Fähren beim An- und Ablegen beobachtet und aufs Wasser gestarrt hatte, stieg ich ein letztes Mal aufs Boot und fuhr die eine Station bis Lilla Bommen mit. Im Hotel hatte ich dann gerade noch genug Zeit, mich umzuziehen und anschließend für ein letztes gemeinsames Abendessen zu meiner Freundin zu fahren und mit ihr über vergangene Zeiten und Zukunftspläne zu diskutieren.

Ganz bequem und für wenig Geld brachte mich am nächsten Morgen der Bus von Flygbussarna zum Landvetter Airport, von wo aus ich den Flug zurück nach München antrat. Der Flieger war bis auf den letzten Platz belegt, sodass mein Rucksack im Fach überm Sitz keinen Platz mehr fand. Ich musste ihn trotzdem nicht aufgeben; er passte bequem zu meinen Füßen unter den Sitz.

Fazit / Learnings

  • Ich brauche vielleicht eine Wäscheleine; meine gewaschene Kleidung hing diesmal im Badezimmer an allen freien Haken und lag im Zimmer über der Heizung und auf der Fensterbank. Mit einer Leine könnte ich öfter waschen und noch weniger packen.
  • Damit der Rucksack noch weniger ausladend wird (leicht genug ist er inzwischen), könnten Kompressions-Packsäcke nützlich sein.
  • Ich war erstaunt, dass ich weder in Dänemark noch in Schweden kein einziges Mal Bargeld in die Hand nehmen musste.